Kältekammer
Der Einsatz von Kälte als therapeutisches Mittel ist vielen schon einmal begegnet: in Form eines Eisbeutels auf der schmerzenden Stirn oder als Wickel um einen geschwollenen Knöchel. Viele Patienten haben auch mit professionellen Methoden der Kryotherapie (Kryo = Eis) Bekanntschaft gemacht: mit Gelpacks auf frische Wunden, die den Bewegungsschmerz in rheumatischen entzündeten Gelenken lindert.
All diesen Behandlungsmethoden ist eines gemeinsam: Sie nutzen lokale Kälteeffekte - vor allem Schmerzlinderung, Entzündungshemmung und Mehrdurchblutung.
Wie aber kann man die bekannten kältetherapeutischen Wirkungen für Patienten nutzbar machen, die unter Erkrankungen leiden, die den ganzen Körper betreffen, wie z.B. Rheuma?
Die Antwort auf diese Frage lieferte der japanische Arzt Dr. Toschima Yamauchi, der 1978 auf dem Europäischen Kongress für Rheumatologie erstmalig über die hervorragenden Ergebnisse, die er mit Ganzkörper-Kältetherapie gemacht hatte, berichtete. Nach seinem Vorbild arbeiten inzwischen einige Kliniken in der Bundesrepublik - und seit dem 1. September 1996 auch das St. Josef-Hospital in Bonn-Beuel.
Hier hat sich von zwei gebräuchlichen Alternativverfahren jenes etabliert, das Luft durch ein Kälteaggregat auf unter minus 60 Grad Celsius bei extrem niedriger Luftfeuchtigkeit abkühlt.
Das bedeutet jedoch nicht, daß der Patient in den drei bis vier Minuten, in denen er sich nur mit Badehose oder -anzug, Schuhe, Handschuhen, Ohren- und Mundschutz bekleidet in der Kältekammer aufhält, schockgefrostet wird. Die Körpertemperatur des Patienten kühlt sich lediglich um ca. 0,4 Grad Celsius ab.
Diese Temperaturminderung reicht jedoch schon, um im Körper des Patienten etliche therapeutisch wirksame Mechanismen auszulösen: Die Leitgeschwindigkeit der Nervenbahnen, die den Schmerz transportieren, wird verlangsamt. Zudem wird der Zellstoffwechsel gedrosselt, was wiederum entzündungshemmende Wirkungen hat. Diese Effekte setzen bereits eine halbe Minute nach Betreten der Kältekammer ein und führen zu einer bis zu sechs Stunden andauernden Schmerzausschaltung oder -minderung. Davon profitieren auch jene Gelenke, die während des Aufenthalts in der Kältekammer vor direktem Kontakt mit der kalten Luft geschützt waren, wie z.B. die Fingergelenke, die in Handschuhe steckten.
Durch eine Kombination mit Bewegungstherapie und manuellen Techniken der Krankengymnastik, die sinnvollerweise innerhalb der schmerzfreien Zeit direkt nach der Kältetherapie angesetzt werden sollte, lässt sich bei schmerzhaft oder entzündlich eingeschränkten Gelenken eine nachhaltig verbesserte Beweglichkeit (bis zu 80% Funktionsgewinn) erarbeiten.
Darüber hinaus können durch die besagte Verminderung des Schmerzes vielfach Medikamente eingespart werden. Das ist gerade für chronisch Kranke, die oft zu lebenslangen Einnahmen von Schmerzmitteln gezwungen sind, ein wesentliches Argument, den Schritt in die Kälte zu wagen.
Neben Rheuma in all seinen Formen bietet die Kältetherapie Linderung für Patienten mit chronisch-entzündlichen und akuten Wirbelsäulenbeschwerden, wobei hier die Wirkungsmechanismen noch nicht vollständig aufgeklärt sind. Neben der Schmerzlinderung spielt die Spannungsminderung in der Muskulatur durch die Kältetherapie wohl eine wichtige Rolle.
Eine weitere Gruppe von Patienten, die von der Ganzkörper-Kältetherapie entscheidend profitieren können, allen voran die Neurodermitis-Patienten.
Darüber hinaus sind bei der Therapie Nebeneffekte aufgetreten, die nach gründlicher wissenschaftlicher Untersuchung weiteren Patientengruppen Linderung ihrer Beschwerden versprechen könnten: Übergewichtige Patienten nahmen unter der Kältetherapie ab, Asthmatiker verspürten positive Auswirkungen auf ihre Atmung, was auf die muskelentspannende Wirkung der kurzdauernden Kälte auf die Bronchialmuskulatur zurückzuführen ist.
Das St. Josef-Hospital ist eines der ersten Akutkrankenhäuser der Bundesrepublik, das eine Kältekammer hat. Deshalb können hier auch die Patienten von dieser Therapieform Nutzen ziehen, die große Operationen am Bewegungsapparat vornehmen lassen müssen, z.B. bei künstlichem Gelenkersatz an Hüft- oder Kniegelenk sowie Knochenbrüchen, nach Schuleroperationen und Eingriffen an der Wirbelsäule. Hier soll die Kältetherapie zur Linderung von Weichteilschwellungen und Schmerzen nach der Operation beitragen. In der Kombination mit intensiver Krankengymnastik wird den Patienten schneller als bisher auf die Beine geholfen und so die Rehabilitationszeit verkürzt.
Der Einsatz der Kältekammer im St. Josef-Hospital Bonn-Beuel soll wissenschaftlich begleitet werden, um für die Zukunft noch bessere Grundlagen für den Einsatz der Ganzkörper-Kältetherapie, insbesondere den Einsatz bei Rheuma-Patienten, zu liefern.
Die Ganzkörper-Kältetherapie kann auf einem normalen Rezept unter Angabe der Diagnose verordnet werden.
Bei welchen Erkrankungen empfiehlt sich die Kältetherapie in der Kältekammer?
- bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen, allen voran die chronische Polyarthritis
- bei degenerativ-rheumatischen Erkrankungen wie z.B. chronischen Rückenbeschwerden, Schulterbeschwerden usw.
- bei der Nachbehandlung nach orthopädischen und unfallchirurgischen Operationen mit Schwellungszuständen, z.B. nach Endoprothesen oder Schulteroperationen
- bei Hauterkrankungen mit entzündlicher Komponente (Neurodermitis)
Wie oft soll die Kältetherapie erfolgen?
- täglich im akuten Stadium
- bei rheumatischen Erkrankungen zweimal wöchentlich im chronischen Stadium
- bei Rückenbeschwerden, nach Operationen usw. je nach Symptomatik 2-5mal wöchentlich
Bei welchen Erkrankungen verbietet sich die
Kältekammer?
- bei höhergradigen Durchblutungsstörungen (periphere arterielle Verschlusskrankheit Stadium III und IV)
- bei schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen, schwerer koronarer Herzkrankheit oder höhergradigen Herzrhythmusstörungen
- bei nicht eingestelltem Bluthochdruck
- nach frischem Herzinfarkt oder Lungenembolie
- bei kälte-assoziierten Immunerkrankungen (z.B. Kryoglobulinnämie)
St. Josef-Hospital Bonn Beuel
Hermannstr. 37 | 53225 Bonn-Beuel
Tel.: (0228) 407 -0 | Fax: (0228) 407 -357
E-Mail: stjosef(at)krankenhaus-bonn.de | Internet: www.krankenhaus-bonn.de

